Pressestimmen

Virtuosität im Zwiespalt

Klavierabend des Wagner-Verbands mit Asli Kiliç

Nachdenken über Franz Liszt. Sein 200. Geburtstag wird ihm in diesem Jahr mehr Gehör verschaffen als üblich. Es wird unter anderem zu erörtern sein, wie heute sein selbstherrliches Virtuosentum zu beurteilen ist. Die Pianistin Asli Kiliç (Bild) geht gerade auf diesen Aspekt während ihres Solo-Abends für den Richard Wagner-Verband Mannheim-Kurpfalz im Stamitzsaal des Rosengartens ein. Die ehemalige Schülerin von Ragna Schirmer beginnt mit zwei Kompositionen von Mozart und Leo Janácek, die sich wie Tagebucheintragungen lesen: Bekenntnisse tiefer Trauer (Rondo KV 511) und verzweifelter Ausweglosigkeit ("Im Nebel"). Darin äußern sich Leidensmomente, in denen der Herzschlag für Augenblicke still zu stehen scheint. Mozarts Miniatur verjagt mit einem Rokoko-Schlenker die Gedanken an den Tod.

In Janáceks Zyklus geht es zu wie in einem Steinbruch; kantige Akkord-Brocken prasseln nieder und zerschmettern opalisierende Flächen. Eines haben der mährische Eigenbrötler und der ungarische Salonlöwe Liszt gemeinsam, sagt Kiliç: Sie schöpfen das Klangspektrum des Klaviers aus. Aber Liszt bekommt in diesem Programm die Rolle des Exzentrikers zugewiesen, der sich eitel spreizt. Das gläserne Klirren, Bohren und Stechen in den drei Petrarca-Sonetten schielt nach einem bewundernd applaudierenden Publikum.

Opernhafte Verzückung
Die ausladende Dynamik zielt in orchestrale Dimensionen. Kiliç entwickelt daraus eine Fülle von kulinarischen Motiven und Melodien, die in der Bearbeitung von Schumanns "Widmung" als ariose Weltumarmung endet. Den dekorativen Schaumperlen gewinnt sie schwärmerische Steigerungen ab. Doch sie erkennt wohl das Zwiespältige dieser Virtuosenkunst. Denn je fanatischer sie sich dem Höhepunkt nähert, desto lauter dringt die Frage durch, ob diese opernhafte Verzückung nicht ein Auswuchs prahlerischer Selbstbespiegelung ist.



Mannheimer Morgen, 22.01.2011, Monika Lanzendörfer

< zurück

Impressum Datenschutzerklärung