Pressestimmen

Schmerzliche Prozesse

Die Pianistin Asli Kiliç interpretiert Werke von Janáček

Ihr Blick richtet sich vornehmlich auf zwei Klavierwerke, die von der inneren Zerrissenheit ihres Komponisten berichten: Die Mannheimer Pianistin Asli Kiliç setzt sich mit Leoš Janáček auseinander, der Musik als Ventil seines seelischen Aufruhrs betrachtete. Im Florian-Waldeck-Saal des Mannheimer Zeughauses macht die ehemalige Schülerin von Ragna Schirmer die Es-Moll-Sonate und den Zyklus "Im Nebel" zum Konzert-Schwerpunkt. Sein Inhalt: schreiender Protest, gewaltsamer Tod, Ausweglosigkeit.
Asli Kiliç lässt sich auf diese exzessiven Leid-Erfahrungen ein, indem sie die Bekenntnisse zupackend und kraftvoll vorführt. Die schattenreichen "Nebel"-Miniaturen werden einer weit ausladenden Dynamik und großem Nachdruck ausgesetzt. Manche Ausschläge wirken überscharf, aber sie sind durchaus mit Äußerungen von Janáček selbst vereinbar, der sagte: "Der Akkord ist für mich ein belebtes Wesen. Ich weiß, dass mein Herz sich zusammenkrampft, wenn ich ihn niederschreibe, dass er stöhnt, wimmert, schwer niederfällt, zermalmt, in Nebel zersplittert, zu Granit erhärtet."
Akkorde, zu Stein erhärtet
Die Prozesse der Zertrümmerung und Versteinerung finden sich in der Auslegung wieder. Deren Strenge strahlt auch auf die Barcarolle op. 60 von Chopin und "Jeux d'eau" von Ravel aus. Die "Wasserspiele" sind vermutlich nicht zu virtuosen Demonstrationen eingestreut, sondern als Wohlfühl-Inseln, als perlende, fließende Entspannung von der Trauerarbeit.
Doch es fällt wohl schwer, so rasch die Stimmung zu wechseln und die Extreme auszubalancieren. Die Etüde op. 8 Nr. 12 von Skrjabin dagegen verlangt regelrecht nach der orchestralen Athletik des Kiliç-Spiels. Auf der Zugabe nach freundlichem Beifall lastet noch Janacek-Melancholie: der Tanzrhythmus der Sarabande aus Bachs B-Dur-Partita BWV 825 gefriert zu stockendem Grübeln.



Mannheimer Morgen, 10.06.2010, Monika Lanzendörfer

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