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Junge Talente: Wie die Pianistin Asli Kiliç langsam, aber zielstrebig ihre Karriere angeht - jetzt auch mit einer CD-Aufnahme

Leistungssport am Flügel im Wohnzimmer

Hier kann man als Künstlerin zurechtkommen: in einer schönen Altbau-Wohnung in den Mannheimer Quadraten, mit einem gepflegten Ibach-Flügel (obenauf liegen die Partituren der Chopin-Scherzi) und einer schweren Schrankwand voller Bücher und CDs. Ein schönes Bild hängt an der Wand: dunkle Romantik, nur ein paar schwarze Pinselstriche weit von Edvard Munch entfernt. Gemalt hat es der Vater Asli Kiliçs.
Dieses angenehme Zimmer dient indessen in gewisser Weise auch als Fitnessraum. Hier übt die Pianistin jeden Tag fünf Stunden, denn Klavierspielen ist heutzutage mehr denn je eine Art Leistungssport. Die Spitze liegt so eng zusammen wie noch nie, es ist sehr schwer, sich durchzusetzen. Asli Kiliç gibt sich dennoch optimistisch: Platz sei da auf dem umkämpften Markt - "wenn man sich nur auf seine Stärken konzentriert". Bei ihr scheint es das deutsche Repertoire zu sein, ihre Debüt-CD bringt Mozart, Schumann, Beethoven und Brahms, kein Virtuosenfutter also, wie es viele Jungstars unters Volk streuen. Hier möchte jemand lieber seine Reife demonstrieren.

Feinschliff bei Ragna Schirmer

Asli Kiliç, die aus Frankfurt stammt, hat ausgiebig studiert. Sie fing damit schon vor zwölf Jahren an, der Unterricht Paul Dans, den sie noch heute in den höchsten Tönen lobt, lockte sie an die Mannheimer Musikhochschule. Weil die nicht zu groß sei, gehe es hier sehr persönlich zu. Nach einem Abstecher nach Köln kam sie zurück und holte sich den letzten Feinschliff bei der "Echo-Preis"-gekrönten Professorin Ragna Schirmer, die so herrlich Händel, Bach und Haydn spielen kann. Im Sommer letzten Jahres war die Ausbildung von Asli Kiliç abgeschlossen, die Konzertreife endlich auch offiziell bescheinigt. "Eine Schülerin möchte ich jetzt nicht mehr sein", erklärt sie. Man versteht.
Sie unterrichtet ja auch längst schon selbst und spielt in ziemlich großer Zahl Konzerte, seit sie 16 ist. Jetzt ist sie 30. Und zudem zweifache Mutter. "Da relativiert sich alles", sagt sie. Divaeske Anwandlungen kann man sich nicht mehr erlauben, die Familie erdet, schützt einen davor, in einer weit entfernten Umlaufbahn nur um sich selbst zu kreisen. Grundvernünftig und seriös, bisweilen fast ein bisschen vorsichtig wirkt Kiliçs Spiel auf der CD, zum späten Brahms jedoch pflegt sie ein enges, inniges Verhältnis. "Er geht mir am nächsten", gibt sie zu, besonders in den lyrischen Andante-Abschnitten.
Ein Vorbild war die alte Aufnahme von Radu Lupu, die sie schon im Alter von 14 Jahren kannte - aber keineswegs einfach kopiert hat. Lupu spiele "keine Bäuche", keine falschen Schnörkel in die kargen Brahms-Stücke hinein. Auch den Klavier-Exzentriker Glenn Gould bewundert sie. Ihn könne man jedoch erst recht nicht imitieren, wer es trotzdem tue, sei in der Gefahr, sich lächerlich zu machen. Asli Kiliç ist durchaus ein bisschen kritisch manchem Jungkollegen gegenüber.
Dass sie sich zum Komponisten Béla Bartók mit seiner zuweilen rabiaten Rhythmik hingezogen fühlt, erstaunt schon eher. Das sei eben ihrer türkischen Familienherkunft zuzuschreiben, lacht die Pianistin. Doch der deutsche Einfluss scheint zu überwiegen, Asli gibt sehr oft mit ihrer Schwester Sirin Kilic, einer jungen Mezzosopranistin, Liederabende, frönt also musikalischer Intimkunst.
Für ihre CD gewann sie Olaf Schönborn, den Geschäftsführer des Mannheimer Plattenlabels Rodenstein, das jetzt neben den Jazz- auch Klassikeinspielungen anbietet. Es war nicht schwer - sie kannte den Jazz-Saxofonisten Schönborn bereits von der Mannheimer Musikhochschule, wo dann auch die Tonaufnahmen stattfanden. Auf einem Steinway-Flügel, Asli Kiliç schätzt den unbestechlichen, neutralen Klang des Instruments. Doch wenn sie ehrlich ist: Ein Wiener Bösendorfer wäre ihr noch lieber. Der klingt weich - und singt so gern. Im Grunde ist sie doch, bei aller Bartók-Liebe, durch und durch romantisch. "Stimmt, das kann ich unterschreiben", räumt sie gerne ein.



Mannheimer Morgen, 22.05.2009, Hans-Günter Fischer

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